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Maria-Anna Nordiek: Von der Grenze zwischen Bild und Objekt

Bildrechte: Maria Anna Nordiek

Oldenburg. Das Sozialgericht Oldenburg und die AG Kunst in der Oldenburgischen Landschaft laden zu einer Ausstellung der Werke von Maria Anna Nordiek in das Elisabeth Anna-Palais ein. Die in Sandhatten lebende Künstlerin und Galeristin zeigt ungewöhnliche Arbeiten, einerseits Malerei auf großen runden Metall- oder Holzscheiben, andererseits Objekte in Kästen, die häufig der Natur entnommen sind. Zu kleinen Handlungen arrangierte Figuren und Gegenstände deuten Szenen an zum aktuellen Thema der Natur-Erhaltung. Der Prozess des Übergangs, der Verwandlung wird sichtbar, wenn eine Pflanze in einem Kasten bewahrt wird, oder wenn ein vor einem raumgreifenden Landschaftsbild eine kleine figurative Handlung auf die Gegenwart anspielt. Die Künstlerin umspielt die Grenze zwischen Malerei und Objekt, indem das Bild dreidimensionale Details erhält, während natürliche Elemente in Kästen geschützt scheinen. Der Bezug auf grundlegende Probleme unserer Zeit liegt auf der Hand.

Die Ausstellung wird am Dienstag, den 29.Oktober 2019 um 17 Uhr im Elisabeth Anna-Palais, Schlosswall 6, vom Direktor des Sozialgerichts, Wulf Sonnemann, eröffnet. Zur Einführung spricht Jürgen Weichardt, AG Kunst in der Oldenburgischen Landschaft. Die Ausstellung kann von montags bis donnerstags von 9-15.30 Uhr und freitags von 9 bis 12.30 Uhr besucht werden.


Rede von Jürgen Weichardt anlässlich der Ausstellungseröffnung am 29. Oktober 2019

Neues in der Kunst, meine Damen und Herren, finden wir heute nicht mehr mit Stilbegriffen, sondern mit Schritten fort von den überlieferten Gattungen Malerei, Bildhauerei, Grafik usf.. Sie sind zwar noch vorhanden, werden genutzt, aber erhalten einen neuen Raum und damit eine neue Wertigkeit. Gewiss ist seit der Erfindung der Collage die Verwendung von Bild fremdem Material schon Jahrhunderte vergangen, also die Verwendung fremder Materialien selbst nicht mehr ungewöhnlich. Aber was Künstlerinnen und Künstler dann für einsatzfähig halten, um der Kunst neue Felder zu öffnen, ist immer noch neu und überraschend.

Bei Maria Anna Nordiek standen Ausbildung für textiles Gestalten und für Arbeit mit Metall am Anfang – neben dem Studium der Kunst im Allgemeinen. Und irgendwann verflochten sich diese drei biografischen Strömungen, aus dem Studium wurde Lehre, das Atelier wurde um eine Galerie erweitert, und ein Oeuvre wuchs – langsam, aber Schritt für Schritt. Ausstellungebeteiligungen wurden möglich gemacht, Einzel-Ausstellungen, von denen ich zwei erwähnen möchte, weil sie für diese Veranstaltung Bedeutung haben könnten – die bbk-Ausstellung 1997 mit dem Titel “Zeitgleich”, weil Maria-Anna Nordiek hier mit Eugenia Gortchakova zusammen kam und beide das Segel erarbeiteten; und 2010 “Welten” mit Astrid Hübbe in Hamburg, weil damit ein Grundthema angeschlagen wurde, das inhaltlich großen Einfluss auf die Motivik der Arbeiten von Maria Anna Nordiek gehabt haben könnte.

Das Rondo, das in überraschend großer Zahl diese Ausstellung dominiert, noch gesteigert durch den Kontrast mit dem Kubus, der anderen, gleichfalls sehr räumlichen Objektform in dieser Ausstellung, scheint auf dieses fundamentale Raum-Thema bezogen zu sein und entwickelt eine Ambivalenz, denn einerseits sind die Rondos selbst Welt-Ausschnitte, andererseits suggerieren sie die Erdkugel, auch wenn ein kleines Objekt, ein Boot, eine Figur den Betrachter auf den Erdboden zurückholt. Immerhin gibt Maria Anna Nordiek den ersten Scheiben auch entsprechende raumweite Titel wie “Seekarte”, “Landkarte”, “Über das Meer”, Titel, die das Rondo als grenzenloser Raum begreifen lassen.

Aber die Künstlerin hütet sich vor einer romantischen Entgrenzung – schon die beiden Auftakt-Objekte mit einer bewusst robusten Malerei befremden mit ihrer fast abweisenden Härte – zwei Tischplatten als Bildträger, deren Dunkelheit die farbige Malerei fast verschlingt.

Diese thematische Verbindung von Raum, Meer, Dunkelheit oder Licht, Segel und Schiffe hat ihre Quelle in den jährlichen Arbeitsaufenthalten auf Spiegeroog, aber auch in den nicht abreißenden Meldungen über Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Dieses Thema darzustellen, erscheint äußerst schwierig: Maria Anna Nordiek wählt einen ganz sachlichen Weg, indem sie in kleiner Figuration Boote als Zeichen einsetzt – in Zusammenhang mit einem weiten Raum oder ganz allein unter einem Plexiglas-Kubus.

Ich finde diese Plexiglas-Kuben eine gelungene Darbietungsform: Sie isolieren und lenken den Blick gleichzeitig auf ihren Inhalt. Dieser gewinnt dadurch an Größe und Aufmerksamkeit, er wird zu einem Minimonument. Nehmen wir die Kuben weg, bleibt ein kleines Spielzeug übrig – auch wenn es so nicht verstanden werden soll – durch den Kubus ist das Spielerische auf ein Minimum reduziert, das Monumentale, also das Gedanken weckende Objekt rückt in den Blickpunkt.

Fragen wir nach dem gemeinsamen Nenner dieser Ausstellung im Inhaltlichen, dann ergeben sich zwei einander verwandte Begriffe: Bewegung und Veränderung. Um das anzuzeigen, dienen Maria Anna Nordiek die kleinen Figuren und Gegenstände: In dem relativ riesigen Raum der Rondos werden sie zunächst kaum wahrgenommen; doch dank der Vereinzelung rücken sie ins Zentrum der Betrachtung:

In der im vorigen Jahr geschaffenen “Großen Scheibe” ist die Figur ein Abbild einer scheinbar antiken Gestalt, die auf einer Insel ruht. Scheinbar ein Widerspruch zu meiner Behauptung von Bewegung und Veränderung, wären da nicht die Boote, die sich auf See befinden und folglich keinen festen Platz haben. Hinzu kommen fast unauffällig etliche Collage-Elemente, Fotografien von Demonstration – in jeder Hinsicht eine Bewegung, auch ein weinendes Gesicht – die Bewegung wird ins Innere verlagert. Alle Motive sind blitzlichthaft vereinzelt auf dem großen Rund angebracht, eine Zeit-Situation – alles kann zur gleichen Zeit geschehen oder die Insel ist das angestrebte Paradies.

Das Motiv der Boote zieht sich über mehrere Bildflächen, erst nachträglich werden beim genauen Hinsehen auch auf den beiden dunkelflächigen Holztafeln Boote bemerkt, in einem Fall aus scheinbar geflochteten Formen, im anderen Fall als einfache Umrahmung. Beide deuten Geschichten an, die aber jeder Betrachter für sich auslegen kann.

Dann folgt noch ein anderes Paradies-Bild, durch die leiterhafte Konstruktion vom Erdboden abgehoben, auf Pflanzenformen gebettet, ein Tier –Hund oder Löwe - das auf den anderen Mond schaut. Sein Mond, was der auch immer ist.

“Seekarte” und “Landkarte”, die beiden nächsten Rondos, nehmen das Thema der Boote wieder auf. Hier deutet Maria Anna Nordiek durch den Aufblick auf eine Karte und durch die gespannten Linien tatsächlich eine weltumspannende Größe an, wenn auch dann die Boote und die Figur disproportional groß sind – ein deutlicher Verweis auf die aktuelle Problematik der Bewegung und Veränderung.

Eine Sonderstellung nimmt die nächste Arbeit ein – Maria Anna Nordiek nennt sie “Segel und Boot”, diese Trennung der beiden Wörter, die eigentlich zusammengehören, deutet an, dass das Werk in Zusammenarbeit entstanden ist, eine Kooperation mit Eugenia Gortchakova während des bbk- Events “Zeitgleich”. Eugenia Gortchakova hat das Segel, die Kupferplatte, mit ihren Strukturen bemalt und ist dabei, erkennbar an den aus der Reihe tanzenden Farbenstreifen, auf die Spuren der Platte eingegangen, hat sie hervorgehoben, die sich außerhalb der Struktur verfolgen lassen. Maria Anna Nordiek hat nicht nur das Segel bereitgestellt, auch mit Eisen und Plexiglas das Boot unterhalb des Segels geschaffen.

Auf der Treppe hängt das vierte Rondo, eine Tischplatte, sie erlaubt einen Blick “Über das Meer”, so der Titel. In den weiteren Arbeiten hinten im Nebenraum ist ein Aspekt hervorzuheben; Bewegung ja, aber sie ist nur als Drahtseilakt möglich, gleich ob Läufer oder Radfahrer, inne haltend mit abgestelltem Koffer oder als Akkordeonspieler. Solche gefährlichen Wege stehen anderen bevor, da verharren sie lieber – wie in einem der beiden Holzkästen dargestellt – vor dem Spiegel. “Frau mit Handtasche” heißt die Komposition, aber die Handtasche scheint verschwunden. Man möchte ja nicht mit der Frau in den Spiegel schauen. Maria Anna Nordiek versteht es, mit geringstem Aufwand, aber langer sorgefältiger Arbeit eine Pointe herauszuarbeiten, die der schlichten Darstellung Spannung verleiht.

Kommen wir noch zu den Minimonumenten unter den Plexiglas-Kuben. “Am Rande” stehen ist eine Situation, die viele Menschen heute nicht aushalten; darum geraten sie in Bewegung. Und die Folge, das kennen wir aus der Zeitung und aus Filmen, sind dann überfüllte Boote. Das ist gedanklich die Fortsetzung dieser Szene. Auch andere Situationen des Wartens werden gezeigt, wobei die deutlichen Disproportionen zwischen zu großen Stühlen und den darauf sitzenden Wartenden auch unangenehme Seiten des Wartens andeuten.

Trotz des Ernstes mancher der gezeigten Situationen, trotz der Vieldeutigkeit des gespannten Drahtes und der darauf balancierenden Gestalten bewahrt sich Maria Anna Nordiek in ihren Arbeiten einen feinen Humor, Distanz und die Lust am spielerischen Engagement. Sie arbeitet entgegen dem Zeitgeist, der nach dem Monumentalen und nach der Übertreibung strebt und findet in der kleinen Form doch einen großen Ausdruck.

Jürgen Weichardt



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