Niedersachen klar Logo

Petra Knauer [ʃtaɪ̯n]

Kinder sammeln Steine und mit ihnen auch einen Zugang zu einer Zeit lange vor unserer Gegenwart. Petra Knauer hat erzählt, dass sie im Ruhrgebiet aufgewachsen sei und Steine gesammelt habe. Gewonnen hat sie damit die Geduld zur Betrachtung von Steinen und das Gefühl für eine Zeit vor der Gegenwart.

Während der Schulzeit und des Studiums erweiterte sich ihr Blick auf Steine durch ihre Auseinandersetzung mit Literatur und Geschichte. Ihr besonderes Interesse galt und gilt den steinigen Zeugen vergangener Zeiten. Rilke und seine Verwendung des Steinmotivs in Gedichten und Texten faszinieren sie bis heute. Im Laufe der Jahre als freie Künstlerin hat sie sich diesem Thema verstärkt gewidmet – jetzt getragen vom malerischen Prozess. Petra Knauer malt keine Steine ab, sie braucht keine Foto-Vorlagen – die Imagination, die Kraft der inneren Bilder formt, was auf der Leinwand entsteht und damit auch den Stein, der gerade abgebildet wird. Er wächst langsam, manchmal, indem Farben übereinander gezogen werden, manchmal, indem die Oberfläche des Stein-Motivs die bröckelige Form eines zerfallenden Steins erhält. Die Oberfläche wird pastos und zugleich wird die Farbigkeit um etliche Töne reicher, weil nun zum Licht, das gemalt wird, von außen reales Licht auf der Bildfläche die Bröckchen erleuchtet oder verschattet.

„In der Herstellung vollzieht die Malerin die Geschichte des Steins Schicht für Schicht nach: Aufbau, Entstehung, Erosion, Bearbeitung, Zerstörung, Anhaften und Abtragen, Ritzen und Schaben. Es geht um „Formaufbau und Formzerstörung, um wieder zu neuen Formen zu finden“, aber auch um die Nähe der Begriffe „Schicht und Geschichte“, hat Barbara Habermann zu Bildern von Petra Knauer geschrieben.

Zwischen farbig leicht differenzierten grauen Flächen entstehen dunkle Linien, die für Risse, Kanten, Spalten stehen und die Farben-Spannung bis zum Schwarz steigern. In manchen Bildern wird dem Grauweiß eine rote Form entgegengesetzt, ein anderer Stein vielleicht aus anderer Zeit.

Erst allmählich entwickelt sich beim Betrachten eines Bildes ein Raum-Empfinden: Ist das Gestein im Bild stark vergrößert oder verkleinert oder real? Und das Auge sucht nach Anhaltspunkten, die Aufschluss geben können. Es entdeckt in verschiedenen Kompositionen mal eine gemauerte Form, ein Gerüst wie ein Regal, eine Stuhllehne oder eine nach vorn gekippte Lore, mit der einmal Steine transportiert wurden. Diese Entdeckungen unaufdringlicher Gegenstände können den ersten Bildeindruck stark verändern, weil sie die Proportionen neu bestimmen.

In einem Bild mit deutlich ausgeformten Steinen taucht im unteren Bereich der Komposition „plötzlich“ – die Entdeckung ist plötzlich – der Bug eines Schiffes auf, und die Reaktion darauf könnte sein – das ist nicht möglich. Aber dann werden die darüber liegenden Steine neu fixiert als Brüstung einer Brücke, unter der ein Schiff passiert.

In dem benachbarten Gemälde ist ein archäologisches Wunder verborgen, versteinert und darum anders aufgebaut, als wäre die Szene ein reales Vorkommnis. Das führt zu einem Phänomen der Malerei zurück, dass sich einer intensiven Befragung der Bilder öffnet, dem vordergründigen Betrachten aber verbirgt – das Phänomen der Zeit.

Der Titel der Ausstellung [ʃtaɪ̯n] - geschrieben als Lautschrift für das Wort STEIN - verweist auf die Notwendigkeit, Steine aufmerksam zu betrachten und zu lauschen, damit man sehen und hören kann, welche Geschichte sie erzählen.

Mit dem eigentümlichen Begriff, mit der Petra Knauer ihre Ausstellung ankündigt:

[ʃtaɪ̯n]

wird aber auch noch etwas ganz Anderes angedeutet, das die Haltung der Menschen gegenüber dem Stein ausdrückt: Das englische Wort wird mit “Schmutzfleck” übersetzt und kann bis in den Bereich “Färben” ausgeweitet werden. Das Wort kann auf die Oberfläche der gemalten Steine bezogen werden, trifft aber auch zu, wenn der Stein selbst gemeint ist, der zerkleinert, aus dem Weg geräumt, gesprengt wird, der als Hindernis empfunden wird und nur nützlich ist, wo er der Gesellschaft dienen kann.

Das war nicht immer so: Manche Bilder der Ausstellung “Das Licht des Südens” zeigen, wie noch im 18. Jahrhundert Menschen mit Steinen leben konnten. Petra Knauer mahnt mit ihren Bildern nicht: Indem sie Zusammenhänge andeutet, weckt sie Fragen.

Petra Knauer lebt seit 2012 als freischaffende Künstlerin in Oldenburg. Sie hat experimentelle Malerei u.a. an der Alanus Hochschule bei Andreas Koop und am Institut für Kunst und Kunsttherapie in Bochum bei Prof. Dr. Qi Yang studiert und als Gastschülerin seine Klasse für MeisterschülerInnen mit Diplomabschluss besucht. Seit 2015 ist sie Mitglied des Bundes bildender KünstlerInnen.

Jürgen Weichardt

Ausstellungsbild   Bildrechte: Peter Knauer
Ausstellungsbild   Bildrechte: Peter Knauer
Ausstellungsbild   Bildrechte: Peter Knauer
Ausstellungsbild   Bildrechte: Peter Knauer
zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln